Der Alltag beim Bikepacking - Fahrrad.de
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Der Alltag beim Bikepacking

Der Altag bei der Radreise - Bikepacking Alaska New York
Ich habe nun schon einige tausend Kilometer auf meiner Reise von Alaska nach New York zusammen mit fahrrad.de zurückgelegt – und dabei einige Höhen und Tiefen erlebt. Rückschläge, wie etwa mein gebrochenes Hinterrad, konnten die Glücksmomente, wie etwa das Beobachten von wilden Tieren am Straßenrand, jedoch nur hervorheben. Wenn ich dann einmal in einem Cafe, einem Restaurant oder einer Tankstelle Rast mache, um meine Ausrüstung zu Laden oder einfach eine Pause zu genießen, werde ich nicht selten mit einem Staunen bedacht – hier in Saskatchewan haben viele Bauern nie ihr eigenes Dorf verlassen, und sind beeindruckt von meinem Mut und meiner Abenteuerlust. Eine Frage, die mir dabei immer wieder gestellt wird, ist die nach meinem Tagesablauf. Schließlich mache ich nicht nur eine kleinere Spritztour, sondern verbringe Monate auf dem Sattel. In diesem Artikel möchte ich daher eine eher selten beleuchtete Seite des Bikepacking ansprechen: Den Tagesablauf und die mit einer solchen Radreise verbundene Geisteshaltung. Bei meinen anderen Artikeln weise ich stets darauf hin, dass der Inhalt des Artikels meiner eigenen Erfahrung entspringt und keinesfalls ein objektives Urteil bietet – dies ist hier umso mehr der Fall und manch einer mag mir in meinen Gedanken völlig widersprechen. Daher der eindeutige Hinweis: Dies ist lediglich meine Meinung, die sich auf jahrelange Erfahrung mit Radreisen bezieht, kein objektives Urteil.

Was braucht man für eine lange Reise:

Hin und wieder höre ich, wie andere meinen, sie könnten eine solche Reise, wie ich sie bestreite, niemals durchführen. Zu risikoreich und ungewiss scheint einigen mein Unterfangen. Damit schätzen einige Ihre Lage sicher richtig ein: Ihnen würde es keine Freude bereiten, so weit auf einem Rad zu reisen. Und ich denke, dass das eine erste, wichtige Einsicht ist: man sollte sich selbst gut kennen und um seine Grenzen wissen. Natürlich dient die Reise auch dazu, Grenzen auszutesten und ein Mut zum Ungewissen ist zwingender Bestandteil der Reise – aber im Grunde sollte man seinem Bauchgefühl vertrauen, wenn man ein solches Unterfangen plant. Zugeständnisse sind wichtig, und so ist auch z.B. meine Ausrüstungswahl zu begründen. Ich lege Wert auf ein Rad, dessen Fahrverhalten steif und sportlich ist – keineswegs die vernünftigste Wahl, aber eine, die mir zumeist eine große Freude bereitet. Sei es bei steilen Pässen, die erklommen werden müssen, flachen Hochgeschwindigkeitspassagen oder rasanten Bergabfahrten – mein Rad bereitet mir eine große Freude. Ein anderes Rad wäre vielleicht vernünftiger, aber was hilft das, wenn ich die Tour dann nicht mehr genieße?

Ich habe bis jetzt fast jeden Ausrüstungsgegenstand gebraucht, den ich mit mir führe – lediglich Bärenspray, mein Messer und wenige Ersatzteile hatten noch keinen Einsatz. Ich bin froh über meine zahlreiche Unterwäsche, denn täglich frische Socken zu tragen ist ein Luxus. Und so mag der ein oder andere Mensch Dinge mit sich führen, die Anderen unvernünftig erscheinen. Wichtig ist jedoch, dass man sein ultimatives Ziel nie aus den Augen verliert: bei mir, wie bei den Meisten die eine solche Tour vornehmen ist das, eine unvergesslich schöne Erfahrung zu erleben. Unter diesem Gesichtspunkt sollte man dann die Tour gestalten – was man nicht tun sollte ist sinnlos beeindruckende Strecken planen, die am Ende nicht für Befriedigung sorgen, weil man mit dem Ziel Kompromisse eingegangen ist, die einem das Leben auf der Tour unangenehm erscheinen lassen.

Welche Ausrüstung ich dabei habe, findet ihr nochmal in dem folgenden Artikel:
Das Gepäck

Wie mein Tag aussieht:

Ich bin kein Morgenmensch, und trotz zahlreicher Versuche einer zu werden, hat sich daran bis heute nichts geändert. Trotzdem stehe ich hier on Tour um 05:45 Uhr auf: etwa 15 Minuten vor Sonnenaufgang. Und ich muss zugeben: Die ersten Gedanken, die mir durch den Kopf schwirren, beteuern, es sei zu kalt, zu dunkel und zu früh um den Schlafsack zu verlassen. Nichtsdestotrotz steige ich aus dem Schlafsack, ziehe mich an und packe mein Rad. Wofür ich in der Mittagszeit wohl kaum mehr als 15 Minuten brauchen würde, kostet mich am Morgen oft die doppelte Zeit. Ohne Frühstück radle ich dann los – die erste halbe Stunde, etwa 10km in den Sonnenaufgang. Ich suche nach einem schönen Platz, um mein Frühstück zu essen, und mache meine erste Rast. Es gibt Rosinenbrot mit Frischkäse, Müsliriegel und Wasser. Danach geht es bis zur Mittagszeit weiter. Ich höre morgens gerne den Tieren zu, sei es ein Vogel, eine Grille oder ein Eichhörnchen. Der Verkehr ist um diese Zeit meist schwach, und so kann ich das Fahren genießen. Wenn es jedoch später wird, gibt es immer mehr Fahrzeuge, die an mir vorbei rauschen, und ich fange in der Regel an, Musik zu hören. Die Mittagspause ist immer zu unterschiedlicher Stunde, je nach dem, was Wetter und Straße für mich bereithalten.
Um etwa 18:00 Uhr esse ich zu Abend und putze mir die Zähne. Danach kommt zumeist ein Kraftakt: Habe ich bis dahin mit ruhiger Geschwindigkeit, zahlreichen Stopps und Pausen etwa 70 km zurückgelegt, fahre ich von 19-21 Uhr weitere 30-50 km. Meistens lege ich dann keinen Stopp mehr ein und fahre, bis ich nicht mehr kann. Ich suche einen Zeltplatz- oft nicht mehr als ein Gebüsch am Straßenrand – baue mein Zelt auf und schlafe erschöpft ein, denn 8 1/2 Stunden später klingelt der Wecker erneut…

Mein Tipp an alle Bikepacking-Interessierten:

Ich wurde mancherorts von inspirierten Leuten gefragt, was meine besten Tipps für eine solche Reise wären. Mein Nummer eins Tipp für Bikepacking Reisen ist keineswegs ein Geheimnis: Man sollte sich darauf einstellen die erste Zeit einige Opfer zu bringen. Der fehlende Kontakt zu Mitmenschen, das Wetter, dem man nicht entkommen kann, und schließlich auch die körperliche Umstellung zeigen in den ersten zwei Wochen ihre Auswirkungen – das war auch bei mir nicht anders. Ich verlor die Lust am Radeln, und zog in Betracht, wie jedes Mal, aufzugeben. Doch dank meiner Erfahrung wusste ich, dass das Gefühl vorbeigehen würde, und so konnte ich auch die schwierigeren Zeiten durchstehen.

Meinem Empfinden nach ist eine Bikepacking-Reise eine Möglichkeit, die eigenen Erfahrungen zu intensivieren: Hat man auf dem Rad eine schlechte Zeit, wie zum Beispiel schlechtes Wetter, hat man keine Fluchtmöglichkeit. Man ist 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche unterwegs und nicht zu Hause. Doch gerade dadurch werden auch die Höhepunkte intensiver, wenn man im Morgengrauen einem verwunderten Elch begegnet, der einen scheu, aber neugierig beschnuppert. Die Höhen und Tiefen sind auf einer Tour einfach viel intensiver – und daher braucht man einiges an Willenskraft, die schweren Momente durchzustehen. Doch eines ist sicher: es lohnt sich!