Von Alaska bis nach New York

Das Bikepacking-Abenteuer

Das Bikepacking-Abenteuer

Leonard Schlüren beantwortet zum Schluss noch einige Fragen

Leonard Schlüren hat sein Reiseziel – New York – erreicht. Er hat es geschafft! Insgesamt hat er über 7.500 km zurückgelegt! Zum Schluss beantwortet er noch einige Fragen zu seiner Tour und teilt noch einige Eindrücke seiner Tour mit uns.

1. Was waren die schönsten Erlebnisse auf der Tour und gab es Erlebnisse, die du gerne aus der Tour streichen würdest?

Wenn ich an ein Radabenteuer denke oder mir Videos von Touren ansehe, denke ich zuerst an den Spaß, den eine solche Tour wahrscheinlich bringt. Und das hat viele gute Gründe, schließlich erlebt man lauter Dinge, die im Alltag nicht zu finden sind. Atemberaubende Landschaften, beeindruckende Naturerlebnisse und viele interessante Begegnungen. Aber natürlich gibt es nicht nur schöne Tage wenn man monatelang unterwegs- und dabei permanent Wind und Wetter ausgesetzt ist. So kam es, dass ich mitten in Saskatchewan, einem dünn besiedelten Flecken Erde, von einem Unwetter überrascht wurde. Mein Zelt ist von guter Qualität und selbst bei Regen hatte es mich noch nie enttäuscht. Doch bei diesem Unwetter hatte es keine Chance. Der Wind war so heftig, dass es alle Heringe aus dem Boden riss und das Zelt umstülpte. Wassermassen schossen hinein, und mein Schlafsack saugte die Feuchtigkeit auf wie ein Schwamm. Um 23 Uhr nahm das Gewitter dann langsam wieder ab. Ich lag in meinem klatschnassen, kalten Schlafsack und wusste, dass es in dieser Nacht nicht mehr als 10 Grad haben würde. Ich durchdachte meine Optionen und stellte fest, dass es nichts gab, was ich hätte tun können. Kein Ort war in der Nähe, keine Möglichkeit des Unterschlupfs verfügbar. Mir war klar, ich würde die Nacht in meinem nassen Schlafsack verbringen müssen.

Dieses Erlebnis zeigte mir, wie sehr ich auf mich alleine gestellt war, wie verantwortlich ich für die Situation war. Aber es zeigte mir eben auch, wie viel ich bereits geschafft hatte, und wie viel ich daraus lernen würde – auch für alltägliche Situationen, in denen man die Schuld so gerne Anderen zuweist.
Natürlich hat die Nacht keinen Spaß gemacht und ich wollte sie auch nicht noch einmal durchleben. Trotzdem empfinde ich vor allem Stolz, wenn ich daran denke: Ich weiß, dass ich es trotz aller Herausforderungen am Ende geschafft habe. Und das macht diese Erinnerung wohl zu einer der schönsten, die meine Tour zu bieten hatte.

Landschaft - Fluss- Bikepacking Reise
Bild: Leonard Schlüren

2. Was waren die größten Herausforderungen auf der Tour?

Bei Herausforderungen denke ich gerne an kleine Etappenziele, deren Erreichen vor allem Kraft braucht. Doch auch wenn es viele Berge, Pannen und kleinere Unglücke auf der Tour gab, war die größte Herausforderung letztlich die Disziplin, jeden Tag weiter zu machen. Zu fahren, auch wenn man nach einem Tag auf der Karte gerade einmal einen Millimeter gewonnen hatte. Weiter zu machen, auch wenn man denkt am Ende zu sein – nur um das Erstaunen zu fühlen, wie viel man letzten Endes erreichen kann.

3. Gab es Tage, an denen du die Tour gerne abgebrochen hättest und dich gefragt hast, was du hier überhaupt machst?

Nach 10 Tagen gab es meinen ersten wirklichen Punkt der Verzweiflung. Ich wusste ja schon davor, dass ich alleine sein würde, doch die Einsamkeit forderte viel von mir. Ich hatte wenig Appetit, und kaum Motivation weiter zu machen. Doch auch wenn ich zu dieser Zeit den Sinn der Unternehmung nicht mehr sah, war es schlichtweg keine Option, aufzugeben. Das war ganz einfach ein Gedanke, den ich nicht zulassen wollte. Viele denken jetzt sicher, dass das eine sichere Methode zum Burnout und der Verzweiflung wäre. Aber es ging mir ja eben genau um das Austesten meiner Leistungsgrenzen. Ich wollte schauen was möglich ist, und dafür braucht es vor allem Disziplin.

Im Alltag wende ich eine ähnliche Methode an. Wenn ich morgens aufstehe, und keine Lust habe, meine morgendliche Runde Sport zu machen – dann schreibe ich mir das auf. Aber ich gehe trotzdem los. Wenn ich die nächsten zwei Morgen dasselbe Gefühl habe, dann ist es wohl an der Zeit, meine Strategie zu überdenken. Aber viel wahrscheinlicher ist, dass, wenn man erst einmal aus dem Bett ist, die Motivation und der Wille wieder da sind. Dass das Fahrradfahren einem wieder Freude bereitet und man sich selbst schwächer eingeschätzt hat, als man wirklich ist.

4. Wenn du solch eine Tour noch einmal machen würdest, würdest du Sachen anders machen?

Die Tour hatte einen gewissen Anteil „Wahnsinn“ eingeplant. Die Radwahl war an sich verrückt, auch die spontane Routenwahl war waghalsig. Am Ende hat mich beides viele Anstrengungen gekostet, doch ich bereue diese Entscheidungen nicht. Ich würde mir beim nächsten Mal aber wahrscheinlich mehr Zeit nehmen – beziehungsweise eine kürzere Strecke wählen. So gab es leider den ein oder anderen Ort, den ich nur durchfahren habe, bei dem sich ein längerer Aufenthalt aber bestimmt gelohnt hätte.

5. Wie anstrengend war die Tour?

Die Tour war mit das Anstrengendste, was ich je in meinem Leben gemacht habe. Das liegt aber an der Entscheidung, eine derart hohe Kilometerleistung an den Tag zu legen. Hätte ich mir mehr Zeit genommen, einen anderen Rahmen gesteckt, hätte die Tour deutlich entspannter verlaufen können. Und doch ist das kein Faktor, den ich ändern würde: Ich mag die Anstrengung. Ich mag das Gefühl der völligen Erschöpfung, wenn ich nach einem Tag des Fahrens nur noch auf meine Isomatte falle. Die Anstrengung gab mir ein Gefühl der Erfülltheit, das ich auch beim nächsten Mal nicht missen möchte.

6. Hattest du auch mal Zeit dir die Städte und Umgebungen näher anzusehen?

Wie bereits erwähnt, würde ich mir beim nächsten Mal mehr Zeit für eine solche Tour nehmen. Und doch habe ich natürlich viel erlebt. Ich habe mit einem Einheimischen in British Columbia Bäume gefällt, bin mit Mähdreschern über die Felder Manitobas gefahren und habe mit vielen Musikbegeisterten in Brooklyn getanzt. Und ich war von vielen Eindrücken, die sich mir boten, begeistert. Eins ist sicher: Das war nicht mein letzter Trip nach Kanada.

7. Was sind jetzt deine weiteren Pläne?

In 4 Monaten kann sich einiges ändern. Und so gibt es viele Dinge, die ich jetzt angehen möchte. Ich werde den Film über meine Tour schneiden, um Andere an meinen Erlebnissen teilhaben zu lassen. Ich gehe wieder regelmäßig ins Fitnessstudio, um meine abgebauten Muskeln wieder aufzubauen. Und ich treffe viele Freunde wieder, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Nachdem ich mich wieder eingelebt habe, und meine Geschichte in einem Film erzählt ist, werde ich mir wahrscheinlich eine neue Herausforderung suchen. Ob ich mit dem Fahrrad, zu Fuß oder mit dem Auto unterwegs sein werde, das weiß ich noch nicht. Eines ist aber sicher: Das nächste Abenteuer kommt.

Leonard Schlürens Schlussworte:
Ich will mich an dieser Stelle noch einmal für die Kooperation mit fahrrad.de bedanken – und genauso natürlich bei euch, die mir auf meiner Tour gefolgt sind. Es hat mir viel Freude bereitet, für euch zu schreiben, und ich hoffe, ihr hattet Gefallen an meinen Beiträgen.

Demnächst findet ihr hier zudem noch ein zusammengefasstes E-Book mit allen Tipps und Erfahrungen zu der Bikepackingreise.

Bis zum nächsten Abenteuer mit fahrrad.de verabschiedet sich
Leonard Schlüren