Die Sicherheit auf Radreisen - Fahrrad.de
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Die Sicherheit auf Radreisen

Hier in Manitoba gibt es meist nicht viel zu sehen: Auch wenn es etwas abwechslungsreicher zugeht als in Saskatchewan, so sind es doch meist nur Felder, Farmen und Bäche, die an der Strecke liegen. In einem kleinen Dorf nahe der Grenze zu Saskatchewan fragte mich eine Dame, warum ich denn mein Fahrrad abschließen würde – schließlich sei das Dorf winzig, ebenso wie der Supermarkt, in den ich gehen wollte. Meine Erklärung war kurz: Es ist zur Gewohnheit geworden – ähnlich wie das Zähneputzen. Man stellt sich ja auch nicht jeden Abend erneut die Frage: soll ich jetzt putzen… oder lieber nicht?

Doch ihre Frage gab den Anstoß zu diesem Artikel: Es geht um die Sicherheit auf Radreisen. Den Aspekt der Gefahren durch wild lebende Tiere habe ich in diesem Artikel (Verlinkung) bereits beleuchtet, und so geht es hier um einige der sonstigen Gefahren. Anfangen will ich jedoch nicht mit der Gefährdung durch Diebstahl, sondern mit einer oft übersehenen Gefahr:

Die Route:

Hier spielt die gründliche Planung eine entscheidende Rolle. Denn eine vielbefahrene Landstraße ohne Seitenstreifen kann schnell zum Risiko werden – dann nämlich, wenn sich zwei Lastwagen entgegenkommen, und man selbst keinen Platz mehr auf der Straße findet. Bei einem solchen Überholmanöver kann allein der durch einen LKW erzeugte Windstoß ausreichen, um einen vom Rad zu schleudern. Daher sollte man gut planen – und die Augen offenhalten. Hilfreich kann ein Rückspiegel sein – sei es am Lenker oder an der Brille.
In diesem Zusammenhang sollte man definitiv nicht die Gefahr durch „Oversize Load“ Transporte unterschätzen – manche LKWs transportieren hier ganze Häuser, und wenn man nicht weiträumig ausweicht, hat man ein Problem. Deshalb müssen auch vor und nach einem derartigen Transport Fahrzeuge fahren, die darauf hinweisen – und einem so Zeit geben, zu reagieren.

Die Kleidung:

Der Helm ist vermutlich das erste Kleidungsstück, das den meisten in diesem Zusammenhang einfällt. Doch der Helm greift erst, wenn es eigentlich schon zu spät ist und ein Unfall geschieht.
Viel wichtiger ist meiner Meinung nach, den Unfall als solchen zu verhindern. Da Unfälle mit Zweiradfahrern ganz häufig zustande kommen, weil der Zweiradfahrer vom PKW- oder LKW-Fahrer schlicht übersehen wird, ist reflektierende und gut sichtbare Bekleidung die wahrscheinlich wichtigste Unfallverhütungsmaßnahme. Bei mir sind die Fahrradtaschen auf der Rückseite mit Leuchtfarbe besprüht, und meine Jacke ist leuchtend rot. Je nach Situation habe ich außerdem Reflektoren, die ich mir an Arme oder Beine binde, um besser gesehen zu werden.
Natürlich spielt hier die Fahrradbeleuchtung auch eine wichtige Rolle. Ich habe Rück-und Vorderlicht, die über Induktion und USB (Powerbank) betrieben werden, zusätzlich auch noch 2 Lampen mit Batterien, die ich im Notfall einsetzen kann. Das Batterierücklicht ist jedoch gestohlen worden…

Die Wirkung des Helmes steht und fällt mit seiner Passgenauigkeit. Gelegentlich sieht man Radfahrer mit offenen – oder, noch besser, mit am Lenker hängenden Helmen fahren. Den frommen Wunsch, den Helm kurz vor dem Sturz noch aufzusetzen, sollte man jedenfalls nicht hegen. Der Helm muss gut sitzen, darf jedoch keine Druckstellen hinterlassen oder Kopfschmerzen erzeugen. Eine auffällige-/grelle Lackierung erzeugt zusätzliche Sicherheit!

Das Schloss:

Nun zum Abschließen des Rades. Ich habe ein Zahlenschloss, damit ich keinen Schlüssel verlieren kann – hatte aber bei vorherigen Reisen auch ein normales Fahrradschloss mit Schlüssel. Entscheidend ist meiner Meinung nach aber ein völlig anderer Faktor: die Optik des Rades. Sie entscheidet ganz wesentlich, ob das betreffende Rad ein lohnendes Beuteobjekt ist. Ich mag mein Rad, und pflege es daher außerordentlich gut. Einmal wöchentlich reinige ich die Kette und öle sie neu, und auch alle anderen Teile sind in gutem Zustand. Dadurch kann ich mich auf mein Rad verlassen, schließlich überprüfe ich beim Reinigen auch den Sitz und den Zustand der Einzelteile. Doch ein blitzblankes, schönes Rad erhöht auch die Gefahr eines Diebstahls. Daher halte ich meine Taschen eher dreckig, und belade das Rad gerne mit Supermarkttüten und verleihe ihm so eine Art gewolltes Penner-Image. So ahnt hoffentlich niemand, dass sich unter der alten Walmart-Plastiktüte eine Drohne für 1.000 Dollar befindet. Will ich in einem Supermarkt einkaufen gehen, nehme ich die Lenkertasche immer mit mir. In ihr befinden sich Reisepass, Kreditkarte und sonstige wichtige Dokumente – sowie eine Festplatte mit meinen gesammelten Aufnahmen.
Meine Kamera ist außerdem nur selten zu sehen – insbesondere wenn ich in Städte fahre, achte ich darauf, sie zu verbergen. Wenn es nur nach einem Radreisenden aussieht, der seine Wäsche in Plastiktüten verlädt, kommt wohl keiner auf die Idee, nachzusehen.
Natürlich gibt es auch so genannte „Travel-safes“ – sie versprechen eine sichere Verwahrung von wichtigen Objekten und Unterlagen. Doch solch ein Teil entdeckt man leicht aus weiter Entfernung. Mein Tipp ist, gerade solche Taschen nur in Kombination mit einer unscheinbaren Hülle zu verwenden. Denn sonst erregt die Verpackung die Aufmerksamkeit von Mitmenschen, die man lieber nicht kennen lernen möchte.

Wenn ich nun in ein Geschäft gehen möchte, parke ich mein Rad grundsätzlich vor dem Fenster, so dass ich es von innen sehen kann. Auch wenn es nur wenige Meter entfernt einen Fahrradständer gibt – ich gehe da kein Risiko ein.

In Städten suche ich meist Vorab nach Orten, an denen ich mein Rad für den Stadtbesuch abstellen kann. Radläden, oder Personen, die ich über Warmshowers.org gefunden habe, sind mir dabei eine große Hilfe.

Die Mitmenschen:

Zu guter Letzt ein wichtiges Thema, das man am liebsten auslassen würde: Es geht um die körperliche Gefahr durch Mitmenschen. Ich selbst habe dabei natürlich ein paar körperliche Vorteile auf meiner Seite: Ich bin groß und männlich, beides macht mich nicht unbedingt zum perfekten Opfer. Doch auch für mich könnte es ab und an gefährlich werden.
Ich habe einige Erfahrung in Selbstverteitigung und je nach Reisegebiet empfehle ich das auch für andere Radreisende. Nicht nur, wie man sich in einem Kampf verhält – auch viele Deeskalationstechniken können erlernt und trainiert werden. Es hilft, sich bei der Routenplanung vorab zu informieren, und gefährliche Gegenden und Stadtteile zu umfahren. Und wenn am Rad schließlich nichts Wertvolles zu sehen ist, verringert man die Gefahr weiter.
Beim Schlafen im Zelt kann es helfen, eine Schnur mit Glöckchen um das Zelt zu spannen. Kommt ein Mensch (oder auch ein Bär), wird er wohl – wenn es gut gemacht wurde – über das Seil stolpern und ein Warnsignal erklingt – genug Zeit, um das Bärenspray zu greifen…

Das Ziel dieses Artikels ist es keineswegs, Angst zu machen. Es geht vielmehr um das Bewusstsein, welche Gefahren herrschen – nur so kann man ihnen sinnvoll begegnen. Die sicherste Variante steht ja ohnehin von Anfang an fest: Zuhause zu bleiben ist allerdings mit Sicherheit langweiliger als alles, was einen auf der Straße erwartet!

Eine sichere Reise wünscht euch
Leo