Das perfekte Familien-Bike-Wochenende

Tipps und Inspiration für ein Bike-Wochenende mit der Familie

Mit Kindern und Mountainbikes in den Brenta-Dolomiten

Karen und Holger sind absolut Mountainbike-verrückt – genau wie ihre Kinder Leni und Lois. Sie haben die perfekte Urlaubs-Location mit dem idealen Verhältnis von Singletrails und Seeblick gefunden.

„Die Berge sehen aus wie eine Fototapete“, sagt Lois. Und er muss es ja wissen, denn schließlich wohnt er in Garmisch-Partenkirchen und hat die Fototapete direkt vor der Haustür. Mit seinen zwölf Jahren ist er bereits viel herumgekommen in der Welt. Er hat schon etliche Bikeparks gesehen, aber dieses Wochenende ist etwas ganz Besonderes. Die ganze Familie ist am Start. Alle wollen biken und campen. Einen Platz direkt am See haben wir mit unserem Camper ergattert. Lois strahlt. Die Sonne verzieht sich langsam hinter die Berge und Lois holt gleich die Angel aus dem Camper. Motiviert möchte er für das Abendessen sorgen, am Ende gibt es dann doch die Pizza. Aber die ist sehr gut, so wie es sich für Italien gehört. Denn wir sind im Trentino.

Wir haben ein Familienwochenende geplant. Voraussetzung war, dass die Anreise nicht zu weit ist (Check!), Lifte und Bikepark vorhanden sind (Check!) und ein Campingplatz am See (Check!).

Was sollte ich beachten, wenn ich einen Fahrradurlaub mit Kindern plane?

Eine gute Destinations- und Tourenplanung ist wichtig. Ein guter Plan lässt auch spontane Änderungen zu. Kinder lieben Abwechslung. Es muss keine „echte“ Transalp sein, die Begeisterung auslöst, sondern ein Tagesausflug in den Bikepark mit Lift oder ein Nachmittag auf dem Pumptrack mit den Freunden. Auch wenn das nicht immer zu den Vorlieben von Papa und Mama gehört. Aber die können da auch was lernen!

Morgens sind Mama Karen und Lois die ersten, die wach sind. Während die beiden frische Semmeln holen, bereitet Papa die Bikes vor. Leni schläft – das machen 15-jährige Teenager gerne. Bis die ganze Familie tatsächlich auf dem Bike sitzt, vergeht etwas mehr Zeit, als wenn man mit seinen Kumpels zur Tour aufbricht, aber daran gewöhnt man sich als Bike-Papa schnell. Dafür ist das gemeinsame Erlebnis dann um so intensiver. Die Freudenschreie, die Juchzer, aber auch die Tränen und Wutausbrüche, wenn mal etwas schiefgeht. Das Trail-Erlebnis ist auf jeden Fall genauso spannend und Kinder geben direkte Rückmeldung.

© Manuel Kottersteeger

Als erstes nehmen wir uns die Strecken von Molveno vor. Von unserem schönen Platz am See quälen wir uns den steilen Asphaltstich zur Seilbahn hoch. Mittlerweile brät die Sonne auf uns nieder, aber heute gibt es keine Meuterei, die Vorfreude bei den Kids ist zu groß. Schnell geht es mit der Seilbahn in die Höhe. Noch höher bringt uns dann der fast schon nostalgische Doppelsessellift. Die Aussicht ist unverschämt, direkt vor uns prangen die Brenta-Dolomiten mit ihren brachialen Felswänden und massiven Zinnen. Zum Glück fährt der Sessellift so langsam, dass wir genügend Zeit haben, die Bergkulisse in vollen Zügen aufzusaugen. Oben angekommen empfängt uns eine große Holztafel: Big Hero. Ein kleines Warmup-Programm, Luftdruck-Check und schon sind wir auf dem Trail. Wir rauschen mit Achterbahnfeeling ins Tal, eine ganze Armee von perfekt angelegten Steilkurven stellt sich unseren Bikes entgegen. Wir müssen nur den Blick voraushaben und den Lenker festhalten, der Rest geht von selbst. Mein Blick schweift hin und wieder vom Trail direkt auf den türkisblauen See tief unter uns. Ein Traum!

Gibt es Reiseziele, die sich für Familien besser eignen als andere und worauf sollte ich bei der Auswahl der Destination achten?

Ein gutes Reiseziel zum Biken ist immer dort, wo sich Aktivitäten kombinieren lassen. Spaßige Trails, Strand, Kletterparks, Spielplätze und eine Bergbahn, die Biketransport anbietet. Sicherlich macht es Kindern weniger Spaß, im Hochsommer bei größter Hitze zu pedalieren. Die Alpen sind im Hochsommer ein gutes Ziel und Regionen im Süden wie Italien oder Frankreich eher etwas für das Frühjahr oder den Herbst. Eine Alpenüberquerung mit Kindern braucht auf jeden Fall Mut und Erfahrung. Zur Vorbereitung sollte man doch vielleicht auch zuerst eine Zweitagestour mit Hüttenübernachtung planen.

Doch was ist das? Wir haben einen Gegenanstieg mit circa 300 Höhenmetern auf einer Schotterstraße vor uns. Aber schon wieder gibt es keine Meuterei? Wahrscheinlich liegt es an der gut getimten Mittagspause mit Spaghetti Bolognese, ein einfacher Trick bei Kindern: Immer früher einkehren, als man es mit seinen erwachsenen Kumpels gewöhnt ist. Während bei uns Großen noch eine Abfahrt geht, fallen Kinder bei Hungerast direkt und ohne Vorwarnung in ein tiefes Loch, und dann ist es schnell mit dem harmonischen Tag auf dem Bike vorbei.

Oben angekommen, führt der anfangs noch breite Trail nach rechts in den Wald. Ein Holzschild weist den Weg. „Udes Trail“ heißt diese Trailverbindung nach Andalo, benannt nach ihrem Erbauer. Steve Ude ist Trailbauer aus Trentino. Er hat schon in einigen Regionen die Schaufel geschwungen und seine Signatur im Berg hinterlassen, so auch in Andalo. Seit einigen Jahren hat sich die Region Dolomiti Paganella das Thema Enduro auf die Fahnen geschrieben – und das mit Erfolg! Einige Trail-Events waren hier bereits zu Gast und haben der Region ihre Prüfsiegel verliehen.

© Manuel Kottersteeger
© Manuel Kottersteeger

Freudig kreischend schießen wir die ersten Kurven durch den dichten Märchenwald. Der Trail, der als Verbindung zwischen zwei Enduro Stages angelegt worden ist, hat viele Kurven. Teilweise unerwartet geht es um Bäume nach links und dann nach einigen kniffligen Wurzeln plötzlich wieder rechtsherum. „Zickzack-Trail“ wäre auch ein guter Name. Uns wird jedenfalls nicht langweilig und der Weg schlängelt sich noch lange durch die Bäume, bis er uns am Trailcenter von Andalo ausspuckt. Alle grinsen. Ein paar Runden auf dem frisch angelegten Pumptrack müssen sein, der ist nämlich herrlich asphaltiert, und bietet viele Möglichkeiten.

Danach rollen wir lächelnd in Andalo ein. Ein Ort mit dem 70er-Jahre-Schick der vergangen Skizeiten – aber er lebt. Viele Leute sind auf den Straßen unterwegs, Outdoor-Aktivitäten sind angesagt. Biken fällt im Gesamtbild kaum auf.

© Manuel Kottersteeger

Anders an der Talstation der Seilbahn – hier ist richtig Bike-Betrieb. Der italienische Tourenbiker, Downhiller mit Vollprotektion, E-Biker und einige Familien, einfach alles ist unterwegs. Klar, es ist Wochenende, und das Wetter ist perfekt. Blauer Himmel, sommerliche Temperaturen, und das Investment der Region in verschiedene Strecken für verschiedene Fahrtechniklevels scheint gut angenommen zu werden. Auffällig ist, dass die Leute alle gute Laune haben. Sogar das Liftpersonal ist sehr gesprächig, und unglaublich freundlich. Wir schweben mühelos mit der Kabine gen Himmel, unter uns sieht man die neu gebaute Willy Wonka Line. Lois setzt kurz den „Bittäää-Blick“ auf, aber wir wollen ganz nach oben. Wir müssen noch einmal umsteigen in einen Sessellift, bis wir auf der Cima di Paganella ankommen. Das Staunen ist den Kindern anzusehen, als wir alle aus dem Vierersessel hüpfen. Der Blick geht so weit die Augen reichen: zur einen Seite das komplette Dolomiten-Panorama und nach Süden der Gardasee mit dem gut zu erkennenden, muschelförmigen Monte Brione. Genießen heißt es. Es ist Zeit für einen Kaffee, denn den muss man in Italien immer einplanen, sogar hier auf 2100 Metern über dem Meeresspiegel im Rifugio La Roda.

Was kann ich tun, damit der Urlaub und die Fahrradtouren für die ganze Familie spaßig und erholsam werden?

Eine Kombination aus Aktivitäten für die ganze Familie ist wichtig. Ausschließlich fürs Radfahren sind die Kids schwieriger zu begeistern. Abwechslung ist gefragt. Biken, Strand, Klettern oder auch mal einfach nur spielen. Ein Urlaubsbiketag soll immer auch Abwechslung bieten. Das kann an einem heißen Sommertag ein Sprung in den See sein oder auch eine Pause am Spielplatz. Kinder lieben Radfahren, aber auch spielen, Würstchen oder Marshmallows grillen, Brotzeit, Kinderspielplatz, entdecken, im Freien übernachten usw.

Die richtige Ausrüstung für die Kids, vor allem ein gut sitzender Helm und das richtige Bike für die Kids ist Voraussetzung für Spaß.

Im Bikeparkurlaub ist die richtige Streckenwahl sehr wichtig. Fangt besser erst mal mit dem Pumptrack und kürzeren Flow-Strecken an. Wenn das gut läuft, dann kann man sich auch längere Strecken herantrauen. Eine physische oder auch psychische Überforderung kann schnell zum totalen Aus führen.

Nach dem Stopp folgen wir dem Trail, der hinter der Holztafel mit der Aufschrift „Bear Trails“ beginnt. Die Region ist bekannt für die Bären, die sich vom Osten kommend wieder im Trentino angesiedelt haben. Die ersten 30 Meter vermitteln uns noch Flow, doch recht plötzlich wird es knackig, viele Stufen und grobe Steine warten unmittelbar neben der Skipiste auf uns. Wir nehmen die Challenge an und freuen uns, dass wir trockene Verhältnisse auf dem Lehmboden mit viel Kalkstein haben. Die typischen Trentiner Weine wie Marzemino und Teroldego mögen genau diesen Boden so gerne, aber bei Nässe wird es hier ganz schnell ganz schmierig. Wir bekommen auf jeden Fall unser Bären-Abzeichen für tapferes Weiterfahren. Als uns der Trail wieder freilässt, sind wir auf Höhe der Seilbahn-Bergstation und wechseln auf die Bikepark-Seite. „Hustle and Flow“ heißt unsere heute gewählte Variante, Lois und Leni „flowen“, Karen und ich „hustlen“. Achterbahn-Feeling, mit großen schön gebauten Kurven und ab und zu mal ein paar Sprüngen. Die Kinder juchzen, Karen und ich amüsieren uns ebenfalls.

© Manuel Kottersteeger
© Manuel Kottersteeger

Es geht weiter mit dem Willy Wonka, den wir schon aus der Gondelkabine begutachtet hatten. Genau unsere Kragenweite: nicht zu steil, kontrollierbare Sprünge, tolle Kurven, guter Rhythmus, wir sind angekommen im Bikepark Dolomiti Paganella. Alle rufen: „Noch mal!“ Und so soll es sein. Glücklicherweise gibt mittlerweile immer mehr Reiseziele, die es erkannt haben, perfekte Infrastruktur für Mountainbike-Urlaub anzubieten und auch die Strecken so zu gestalten, dass tatsächlich die ganze Familie abgeholt wird.

Glücklich und erschöpft kommen wir später wieder in Andalo raus. Von hier radeln wir entspannt auf einem abwechslungsreichen Waldtrail, der die beiden Ortschaften Andalo und Molveno verbindet, zurück zum Campingplatz nach Molveno. Ein Glück, dass Molveno tiefer liegt als Andalo, und wir uns bergab bis zum See rollen lassen können.

Als wir wieder an unserem Bus ankommen und die Sonne grad hinter den Bergen verschwindet, zeigt Lois nach oben auf die Brenta und nickt: „Fototapete!“

Was sollte ich beim Radurlaub mit der ganzen Familie eher vermeiden?

Langweilige Bikeregionen, zu heiße Regionen im Hochsommer und Regionen mit wenig Alternativen zum Biken. Stadtnahe Bikeparks sind an Sommerwochenenden meistens überfüllt. Oft reichen in Bikeparks anfangs auch zwei Stunden am Nachmittag – besser geeignet als Wochenenden in den Ferien sind die Wochentage.

Holger, Karen, Leni und Lois mögen die Region Dolomiti Paganella so gerne, weil dort alles für ein gelungenes Familienwochenende auf dem Bike vorhanden ist: flowige Trails in allen Schwierigkeitsgraden, Bergbahnen zum Biketransport, urige Hütten und gutes schnelles Essen, ein See zum Abkühlen, ein Campingplatz, Pizza und Eis am Abend. Hier kann man es richtig gut aushalten, ob für ein Wochenende oder einen längeren Urlaub. Und als besonderes Schmankerl findet vom 17. - 19. Juni das Family Bike Derby statt, ein Event für richtige Bike-Familien!

Infos

Dolomiti Paganella besteht aus drei über das Bikerevier verbundenen Ortschaften:

Fai de Paganella ist eher für das grobe Bikepark-Publikum attraktiv, hier gibt es einige Downhill-Strecken von rot bis schwarz.

Andalo ist das Epizentrum des Reviers. Hier gibt es von blau bis schwarz für jeden etwas. Jede Menge Flow ist mit „Willy Wonka“ und „Hustle and Flow“ geboten. Außerdem gibt es einen Pumptrack zum Einrollen.

Molveno ist sehr einsteigerfreundlich. Strecken wie „Blade Runner“ und „Big Hero“ sind für alle Levels machbar und man hat den See zur Abkühlung.

Camping Der Campingplatz ist nicht unbedingt sehr günstig, hat aber eine Toplage direkt am See, und am Abend isst man dort hervorragend Pizza und lokale Spezialitäten.

Bike School Die Bikeschule bietet für alle Levels und Altersgruppen professionelles Fahrtechniktraining (auch auf Deutsch oder Englisch) und geführte Bikeparktouren. Außerdem kann man sich hier Bikes und Ausrüstung leihen.

Mehr über Karen und Holger sowie Infos zu Events und Camps erfährst du auf dierasenmaeher.de sowie auf den folgenden Instagram-Kanälen:

@karen_eller_Mountainbike , @mountmeyer , @ellerbaeeetsch , @_lois_eller_ , @dierasenmaeher

Titelbild & Fotos: © Manuel Kottersteeger

Im Buch „Mountainbiken für Kids“ von Karen Eller und Holger Meyer findest du weitere nützliche Tipps und Infos zum Thema.

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