Urlaub im Gravelparadies Tirol

Es muss nicht immer Bikepacking sein

Für fast jedes Rad gibt es inzwischen das perfekte Urlaubsziel: Mit dem Trekkingrad kannst du entlang diverser Radwanderwege in ganz Europa komfortabel dahinrollen, auf Mallorca findest du an jeder Straßenecke einen Rennradladen und in Sölden gibt es fast mehr gebaute Mountainbike-Trails als normale Straßen. Nur wohin fährt man mit dem Gravelbike in den Urlaub?

Wenn du die Augen schließt und an „Urlaub mit dem Gravelbike“ denkst, dann stehen die Chancen gut, dass dir Abenteuer, jede Menge Taschen am Rad, Übernachtungen im Zelt und Lagerfeuerromantik in den Sinn kommt. Das war auch unsere erste Idee, als Tirol bei uns anklopfte und fragte, ob wir nicht mit Gravelbikes ihre Heimat erkunden möchten. Dort hat man nämlich erkannt, dass die in Tirol ohnehin schon vorhandene Infrastruktur für Fahrradurlaube aller Art mit nur wenigen Anpassungen im Detail ebenso ganz wunderbar für Gravelbike-Urlaub funktionieren kann. Die Kombination aus Bergen, fahrradfreundlichen Unterkünften und zahlreicher ausgeschilderter Radwege (sowohl asphaltiert als auch unbefestigt) ist vor allem für Gravelbikes ein Volltreffer.

Bereit für den Gravel King

Der Bikepacking-Gedanke war schnell verflogen, als uns ein viel besserer Vorschlag unterbreitet wurde: Wir würden eine Woche im Hotel Tannenhof in Wängle inmitten der Naturparkregion Reutte wohnen, von wo aus der Betreiber des Hotels (und eines Radladens s'Radhaus in Lechaschau) Thomas den „Gravel King “ veranstaltet. Da wir Urlaub machen und keinen Leistungssport betreiben, fiel die Idee für besonders Übermütige, drei Routen mit insgesamt 250 Kilometern und fast 4000 Höhenmetern an einem Tag zu fahren, direkt durch. Allerdings auf drei Tage verteilt mit Pausen und ausreichend Zeit, zwischendurch mal die Füße hochzulegen oder in den See zu hüpfen, klang der Gravel King nach dem perfekten Urlaubsprogramm.

Das wurde uns von Thomas, der die Routen persönlich ausgekundschaftet hat, kurz nach unserer Ankunft bestätigt. Er ist ein wahres Energiebündel und hat schon lange, bevor man überhaupt von Gravelbikes gesprochen hat, spannende Konzepte aus Mountainbikes und Rennradteilen zusammengebastelt. Für ihn ist das Gravelbike schlicht das perfekte Rad für diese Gegend, deren Berge nicht brutal steil sind und deren Schotterwegenetz bestens in Schuss ist. Auf Asphalt kann man hier mit dem Gravelbike fast so gut Strecke machen wie mit dem Rennrad, und gleichzeitig die landschaftlich viel schöneren Verbindungen über geschotterte Forststraßen oder breite Wanderwege nutzen, die für Mountainbikes schlicht zu langweilig wären.

Zug fährt nicht? Spontanes Bikepacking in die Naturparkregion Reutte

Diese besondere Flexibilität des Gravelbikes machte übrigens unsere Anreise in die Naturparkregion Reutte deutlich komfortabler. Meine Kollegin Liz und ich waren mit dem Zug angereist, was bis kurz vor dem Ziel ganz hervorragend funktioniert hatte. Leider legte dann eine Kombination mehrerer unglücklicher Faktoren den gesamten Zugbetrieb in der Gegend lahm. Das war für uns kein Problem, denn die letzten Kilometer konnten wir einfach mit dem Rad zurücklegen und so schon einmal einen Vorgeschmack darauf bekommen, in was für einer unglaublichen Landschaft wir uns bewegen würden. Später lernten wir dann, dass viele Busse in Tirol Fahrräder mitnehmen können – ein weiterer riesiger Pluspunkt, auf jeder Tour zu wissen, im Notfall einfach in den Bus steigen zu können.

Unglaubliche Aussichten (und Kühe) im Tannheimer Tal

Ich muss zugeben, dass mir vor der ersten Tour etwas bang vor den Anstiegen war. Liz hatte keine Probleme dieser Art, schließlich ist sie quasi um die Ecke aufgewachsen und fährt regelmäßig Touren mit vielen Höhenmetern. Rund um meinen Wohnort hingegen findet man weit und breit nichts, was nur die Bezeichnung „Hügel“ verdient hätte, geschweige denn echte Berge. Ich wurde sofort beruhigt, als wir am Fuß des ersten Anstieges eine Mutter überholten, die ganz selbstverständlich mit ihrem Bio-Mountainbike und zwei Kindern im Anhänger den Forstweg hochkurbelte. So schlimm könnte es also nicht sein und die Wege waren wirklich in großartigem Zustand.

An Schloss Neuschwanstein fuhren wir recht zügig vorbei. Dort war schon vormittags einiges los. Ich muss zugeben, dass mir die vorherige flotte Abfahrt mit unglaublichen Ausblicken über den Alpsee mehr Spaß gemacht hat als die Aussicht auf eins der berühmtesten Schlösser Deutschlands. Wir waren auf der Suche nach anderen Attraktionen als Schlösser, die uns prompt serviert wurden: Kurz nachdem ein Schild uns darauf hingewiesen hatte, dass wir uns wieder in Österreich befanden, fing die Gravelautobahn entlang der Vils an. Immer entlang des Flusses konnten wir wirklichen Premium-Schotter genießen, bestens gepflegt und frei von Autoverkehr. Am Kalbelehof blieb mir dann das erste Mal so richtig die Spucke weg – es sollte nicht das letzte Mal bleiben. Das Tal öffnete sich vor uns und gab einen spektakulären Ausblick auf das Wannenjoch frei. Die frei herumlaufenden Kühe komplettierten die Alpenidylle.

Im Tannheimer Tal angekommen schlängelten wir uns am Nordhang entlang und gewannen dabei immer mehr an Höhe. Bis auf knapp 1400 Meter über dem Meeresspiegel kamen wir, bevor eine rasante, zehn Kilometer lange Abfahrt einsetzte. Am Fuße des alten Gaichtpasses, des letzten Teils der Abfahrt, trafen wir auf den Lech und konnten so die letzten Kilometer ganz entspannt zurück ins Hotel radeln. Was uns neben den Bergpanoramen und den fantastischen Wegen besonders im Gedächtnis blieb: Die Leute sind wahnsinnig freundlich. Autos halten respektvoll Abstand, E-Biker*innen überholen mit einem freundlichen Gruß und Wandernde teilen sich bereitwillig die Wege mit uns.

Märchenatmosphäre im Lechtal

Am zweiten Tag wachten wir mit müden Beinen auf. Lust auf graveln hatten wir trotzdem und das reichhaltige Frühstück füllte unsere Motivationsspeicher vollständig auf. Eins war allerdings klar: An diesem Tag würden wir uns keine Sorgen um Sonnenbrand machen müssen, denn die düstere Wettervorhersage hatte nicht gelogen. Weil wir früh aufbrachen, konnten wir dennoch einige Zeit im Trockenen genießen und machten uns auf den Weg durchs Lechtal. Mal auf Schotter, mal auf Asphalt schlängelten wir uns über den Lechradweg Richtung Süden und genossen die märchenhafte Atmosphäre im Kiefernwald. Bei der ersten Pause, die wir mit Blick über das unglaubliche Flussbett des Lechs einlegten, fielen leider schon die ersten Regentropfen. Selbstverständlich waren wir mit Regenkleidung vorbereitet und deswegen zuerst noch guten Mutes. Trotzdem mussten wir recht bald einsehen, dass prasselnder Dauerregen selbst bei 20 Grad nicht unbedingt optimales Radfahrwetter ist. Also erinnerten wir uns daran, dass wir im Urlaub sind und strichen schweren Herzens den langen Anstieg zur Petersbergalm vom Menü.

Zum Glück kam gerade das schwedische Pärchen vorbei, das uns am Frühstückstisch noch von ihren Ambitionen in Bezug auf die Gravel-Weltmeisterschaft erzählt hatten. Dankbar ließen wir sie das Tempo nach Hause bestimmen und im Nu war der Regen vergessen. Ihre Aufgabenverteilung war einfach: Sie gab an jedem Anstieg das Tempo vor, während er die Führungsarbeit übernahm, wenn die Strecke flach war. So waren wir im Handumdrehen wieder im Hotel. Nachdem die Fahrräder geputzt und im Fahrradraum verstaut waren, kam natürlich wieder die Sonne raus – aber so konnten wir noch trocken ins sehenswerte Zentrum der Marktgemeinde Reutte kommen, um uns dort mit Burgern und Süßkartoffelpommes auf die Königinnenetappe vorzubereiten.

Hexenkessel Tiroler Zugspitzarena

Am letzten Tag wartete das große Finale auf uns. Nicht nur waren mehr Höhenmeter als an den Tagen zuvor zu erklimmen, Thomas hatte uns schon vor dem allerletzten Anstieg zur Dürrenberg Alm gewarnt. Dort hatte er eine wirklich fiese Rampe eingebaut „damit sich am Ende niemand beschweren kann, dass die Route zu einfach war“. Vorher gab es allerdings bereits einiges an Bergen zu erklettern und Aussichten zu bestaunen. Die highline179, die längste Fußgänger*innen-Hängebrücke der Welt im Tibet-Style, durften wir leider nicht mit Fahrrädern befahren, aber bereits der Blick von unten aus dem Tal ließ uns leicht schwindeln.

Nachdem wir uns erneut auf 1400 Meter geschraubt hatten und eine rasante Abfahrt nach Bichlbach genossen hatten, wurde uns klar, wieso die Gegend um Ehrwald, Lermoos und Biberwier „Tiroler Zugspitzarena“ genannt wird: Die drei Städtchen liegen in einem wie ein Kessel geformten Tal. Über allem thront die gigantische Zugspitze, aber die südlich gelegene Mieminger Kette wartet ebenfalls mit einem unglaublichen Panorama auf. Nach einem kurzen Abstecher nach Deutschland und einer überaus erfrischenden Flussdurchquerung (keine Angst, es gibt überall Brücken) standen wir dann vor einem weiteren Highlight: dem Plansee, dem zweitgrößten See Tirols in der Naturparkregion Reutte. Der ist ohne Frage einer der schönsten Alpenseen, auch wenn sein türkisblaues Wasser fast so kalt wie das Eis war, das wir an seinem Ufer als Stärkung vor den letzten Anstiegen schleckten.

Thomas hatte natürlich recht behalten: Seine kleine Gemeinheit am Schluss war wirklich nur schiebend zu erklimmen, aber die Aussicht von der Dürrenberg Alm über den Talkessel der Naturparkregion Reutte mit dem markant durchfließenden Lech hinunter entschädigte (mit ordentlich Zinsen) für jeden geschobenen Meter. Wir schlugen uns noch die Bäuche mit Marillenkuchen voll, bevor wir uns von der Schwerkraft zurück ins Hotel schieben ließen.

Echte Urlaubsgefühle dank Gravelbikes

Drei Tage reichen natürlich nicht mal im Ansatz, um die ganze Vielfalt Tirols zu entdecken. Trotzdem steht für mich jetzt fest: Es gibt dort kein besseres Urlaubsfahrrad als das Gravelbike. Auf asphaltierten Radwegen waren wir flott unterwegs und auf unbefestigten Forststraßen haben wir Aussichten genossen, die uns mit Rennrädern und Trekkingbikes verschlossen geblieben wären. Mit Mountainbikes hätten wir mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Du brauchst ja nicht 15 Kilo Federung und Traktorreifen auf einen Berg zu schleppen, wenn das schlankere und vielseitigere Gravelbike wegen der vorbildlich gepflegten Wege locker reicht. Großen Sport kann man mit dem Gravelbike in Tirol durchaus haben, es gibt wirklich Verrückte, die den Gravel King an einem Tag durchziehen. Der zeigt sich aber nur dann von seiner wahrhaft königlichen Seite, wenn du ihn an einem Tag zu bewältigen versuchst. Auf drei Tage aufgeteilt ist er eher ein gemütlicher Reiseführer, der dir in aller Ruhe die Highlights des Außerferns zeigt. Die auf gravel.tirol und tirol.at vorgeplanten Routen schlagen in die gleiche Kerbe und sind alle für mäßig Trainierte zu schaffen. Gib dir aber selber genug Zeit und versuch besser nicht, am ersten Anstieg mit den E-Bikes mitzuhalten. Anlässe für Pausen gibt es sowieso mehr als du zählen kannst, an praktisch jeder Ecke lädt ein türkisblaues Gewässer zum Baden ein. Oder vielleicht doch lieber eine ordentliche Portion Kaiserschmarrn? Ich bin mir sicher – bald wird der Außerfern, also das Lechtal, das Tannheimer Tal, die Naturparkregion Reutte und die Tiroler Zugspitzarena für Gravelbikes das sein, was Sölden für Mountainbikes ist. Und ich weiß auch schon, wohin mein nächster Urlaub gehen wird.

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