Von Alaska nach New York mit dem Rad

Bikepacking, Radreise Alsaksa - NewYork

Das Projekt

Wir begleiten Leonard Schlüren auf seiner Reise von Alaska (Anchorage) bis nach New York City. Dabei berichten wir über wichtige Tipps und Infos zu dem Thema Bikepacking. Worauf muss man vor der Reise achten, welches Rad ist das Richtige und wie findet man sich zurecht. Natürlich erfahrt ihr auch, was Leo so auf seiner Reise erlebt. Seit dem 12.06.2017 ist Leo bereits unterwegs und hat auf seiner Reise schon so manches erlebt. Lest selbst:


Leonard Schlüren stellt sich vor:

Leonard Schlüren - Radreise Alaska New York - Über michMit dem Fahrrad von Alaska nach New York City – das bedeutet Abenteuer, Wildnis und vor allem: Herausforderung.

Ich bin Leo, 21 Jahre alt, und schreibe hier über meine bislang größte und aufregendste Reise. Bisher war ich nur in Europa mit dem Fahrrad unterwegs: so bin ich von Reutlingen bis Istanbul gefahren – die wunderschönen Karpaten halte ich dabei in besonderer Erinnerung- aber auch von Reutlingen nach Lissabon, ab Montpellier entlang der Mittelmeerküste. Nur mit meinem Rucksack war ich dann noch in Russland, Mongolei, China, Thailand, Singapur, Kanada, USA, Mexico, Guatemala, Belize, Nicaragua, Costa Rica, El Salvador und Honduras.

Bevor ich zu meiner ersten Radreise aufgebrochen bin, habe ich im Internet nach Informationen gesucht was man bei einer solchen Reise beachten muss, was man mitnehmen sollte und auf welche Probleme man stößt. Doch für längere Touren gibt es im deutschsprachigen Internet kaum Informationen – deshalb werden fahrrad.de und ich hier über das „Wie“ einer Fahrradreise berichten. – Alles anhand der geplanten Tour von Anchorage, Alaska, nach New York City.

Wir werden alle Themen, die wir als wichtig erachten, hier in einer Sammlung aufnehmen. Sollte dir eine wichtige Frage zu dem Thema auf der Seele brennen, kannst du die Frage gerne per Mail an radreise@fahrrad.de schicken. Wir werden versuchen alle Fragen zu berücksichtigen und so gut es geht zu beantworten.

Also, viel Spaß mit den Artikeln!
Leonard Markus Schlüren

Was bisher geschah auf Leos Reise:

Zwischen Whitehorse und der Abzweigung zum Cassiar Highway habe ich einige Bären gesehen. Manche laufen weg sobald sie einen sehen, andere bleiben entspannt am Straßenrand sitzen. Das Bild ist von einem Bären, der gemächlich die Straße überquerte. Ich wartete in diesem Fall, bis ein Auto kam. Ich bat den Fahrer, langsam zu fahren, damit ich selbst auf der linken Straßenseite fahren konnte, und er wie ein Schutzschild zwischen mir und dem Bären wäre. Das klappte gut. Auch bei allen anderen Begegnungen wartete ich auf Verkehr, da die Bären fahrenden Autos ungern nahe kommen. Routentechnisch war mein ursprünglicher Plan, den Alaska Highway bis nach Fort St.John zu fahren, und dann die Straße nach Edmonton zu nehmen. Doch diesen Plan habe ich geändert. Ich fahre jetzt auf dem Cassiar Highway Nr.:37 – einer wenig befahrenen, zurückgelegeneren Route. Weniger Autos (ein Auto alle 20 Minuten, zu ein Auto alle 5 Minuten auf dem Aalaska Highway) und die schmalere Straße machen es zu einem besonderen Erlebnis. Auch wenn ich auf dieser Straße noch keine Bären gesehen habe, so bin ich mir sicher, dass das nur noch eine Frage der Zeit ist. Elche habe ich nämlich schon einige gesehen, und auch einen Vogel, der unbeängstigt auf der Straße stolzierte. Was die Ausrüstung anbetrifft, so hatte ich schon einige Rückschläge. Bei Kilometer 1000 etwa brachen zwei Speichen, und es brauchte mehrere Stunden, diese zu wechseln. Das Rad ist jetzt wieder in Ordnung, nur habe ich nur noch eine Ersatzspeiche für hinten und zwei für Vorne – es darf also nicht mehr viel passieren!

Durch den Speichenwechsel muss wohl das Felgenband in Mitleidenschaft gezogen worden sein- denn Auf dem Cassiar Highway bekam ich einen Platten, während ich eine Pause machte. Ich fand heraus, dass es die Aussparung in der Felge war, die in den Reifen geschnitten hatte. Das Felgenband war verrutscht. Da ich kein Felgenband mit habe, legte ich es so gut es ging in Position, befestigte es mit Duct Tape und flickte den Reifen. Bis jetzt hält alles ganz gut, aber ich bin seit dem Zwischenfall erst ca 120 km gefahren. Bärencontainer & auch die sonstige Ausrüstung bewähren sich gut, ich hatte noch keinerlei Probleme. Der Plan für die nächsten Tage ist, den Cassiar weiter bis nach Hazelton zu fahren – die Route sollte Bergig und unglaublich schön werden. Ich freue mich schon darauf!

Wie es dann weiter ging:

Nach meiner Abreise aus Dease Lake kam erst einmal lange nichts. Dafür war die Natur atemberaubenden – der Wald ist dicht bewachsen, Gebüsche und Pflanzen aller Art konkurrieren um den Waldboden. Übernachten konnte ich an wunderschönen Plätzen, mehrmals an (auf) Seen. Doch keine Reise geht ohne Rückschläge von Statten: die Schmerzen in meinem rechten Arm, die ich etwa seit km 1000 habe, werden nicht besser. Zunächst dachte ich, dass mir die Ruhepause, die ich oberhalb von Dease Lake eingelegt habe, ausreichen würde – leider ist das aber nicht der Fall. Ich verspüre, gerade beim Strecken des Arms, einen deutlichen Schmerz im Ellenbogen. Ich werde deshalb noch nicht abbrechen, werde die Lage aber auf jeden Fall im Auge behalten. Denn nur wenn ich auch wohlbehalten ankomme hat sich die Tour gelohnt. Der andere Zwischenfall betrifft meine Speichen: die dritte hintere Messerspeiche ist gerissen. Das bedeutet, dass ich von jetzt an keine Ersatzspeichen mehr habe. Vielleicht habe ich in Smithers Glück und kann Ersatz erwerben.

Ein kurzer Zwischenbericht – Waldbrände in British Columbia

Ich bin mittlerweile in Prince George angekommen. Das Wetter ist weitestgehend trocken, jedoch gerne auch einmal bewölkt. Durch die Brände herrscht in der Stadt etwas Chaos, man sieht lange Schlangen vor Kirchen und Hilfswerken. Durch die Evakuierung mancher Orte sind etwa 8.000 Leute mehr als sonst in der Stadt unterwegs. Daher halte ich mich hier auch nur für wenige Stunden auf und breche schon bald wieder auf.

Weitere Infos zu den Waldbränden gibt es in dem Artikel unten.

Bericht Teil vier – Die Fahrradkultur in Kanada

Highways, die sich schnurgerade bis zum Horizont erstrecken, endlose Weiten und felsige Berge – so habe ich mir die Tour quer durch Nordamerika vorgestellt. Bis jetzt wurde ich nicht wirklich enttäuscht.

Die Straßenlage

Während es in Europa jede Menge Radwege gibt, findet man diese in Alaska und Kanada kaum. Der Grund sind nicht nur die wenigen Radfahrer- auch die sehr großen Distanzen erschweren das Anlegen von Radwegen. Und so bleibt fast immer nur eines: Der Seitenstreifen der Highways. Diese Seitenstreifen sind oft bis zu zwei Meter breit, und bieten damit einen großzügigen Abstand zu den vorbeifahrenden Trucks und Wohnwagen, deren Druckwelle bei kürzerer Distanz sonst unangenehm sein kann. Doch es kann auch vorkommen, dass man für dutzende Kilometer plötzlich überhaupt keinen Seitenstreifen mehr vorfindet. Dann ist Vorsicht angesagt, und ein Rückspiegel erweist sich als hilfreich. Da ich aber keinen Spiegel habe, halte ich vor allem an unübersichtlichen Stellen und bei Gegenverkehr Ausschau. Dann stoppe ich lieber kurz, oder weiche bei Verkehr aus beiden Richtungen auf den unbefestigten Rand aus. Denn die Gefahr besteht nicht nur durch den knapp bemessenen Platz, sondern auch durch den Zustand der Fahrer- doch dazu später mehr.

Hat man eine schöne Straße mit breitem Randstreifen gefunden, so muss man trotzdem aufmerksam sein: Nach den Schneeschmelzen im Frühling sind die Randstreifen oft noch voller Sand und Unrat, nicht selten sind Risse und Schlaglöcher vorzufinden. Oft ist die Straße selbst neu geteert und in generell gutem Zustand, während der Seitenstreifen vor sich hin bröckelt.

Die anderen Verkehrsteilnehmer

In Europa kennen wir das Phänomen von Weihnachten, Silvester und Fußballspielen: jede Menge alkoholisierte Autofahrer gefährden den Straßenverkehr, und so kommt es nicht selten zu Unfällen. Doch während man in Deutschland fast überall mit Polizeikontrollen rechnen muss, gibt es hier Gebiete, auf denen man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinem Gesetzeshüter begegnen wird. Erschwerend kommt eine neue Gesetzgebung hinzu, die den Konsum von Marihuana legalisieren wird. Und so kommt es hie und da schon jetzt mal vor, dass das vorbeifahrende Auto einen eindeutigen Geruch und ein damit einhergehendes unsicheres Gefühl hinterlässt.

Der Faktor Drogen ist jedoch nur eine Seite der Begegnungen mit anderen Verkehrsteilnehmern. Gefährlich können einem auch die vielen Touristen mit ihren Wohnwagen werden. Diese scheuen sich oft davor, eine doppelt durchgezogene Linie zu überfahren, selbst wenn es keinen Seitenstreifen gibt. Die Druckwelle, die einen als Radfahrer dann trifft, ist enorm, und kann leicht zu Stürzen führen. Dabei gibt es, wie mir ein Officer der Royal Canadian Mounted Police erklärte, keinen Grund für ein solches Verhalten: Bei doppelt durchgezogenen Linien dürfen lediglich motorisierte Verkehrsteilnehmer nicht überholt werden. Radler und Wanderer sollten natürlich nicht durch knappes Vorbeifahren gefährdet werden – Linien hin oder her.

Doch natürlich gibt es auch einige positive Erlebnisse auf der Straße. Viele lassen einem die gesamte Spur, selbst bei doppelt durchgezogenen Linien, da weit und breit kein Gegenverkehr zu sehen ist. Die berühmte Kanadische Freundlichkeit kann aber auch zum Hindernis werden: Aufgrund der zahlreichen Bäche, Seen und Flüsse auf meiner Route habe ich nur eine 1-Liter-Flasche mit mir, und beziehe das sonstige Wasser direkt vor Ort mit einem Filter. Da ich keinen Fahrradständer habe, muss ich mein Rad dazu hinlegen – und viele vorbeifahrende Autos stoppen bei diesem Anblick natürlich sofort. Hier draußen, wo es neben Bären, Elchen, Wölfen und Coyoten auch die Gefahr eines normalen Unfalls gibt, sehen sich die Menschen eben eher nach einander um – und ein neben der Straße liegendes Fahrrad erregt leicht das Aufsehen der aufmerksameren Verkehrsteilnehmer.
Da ich vielerorts kein Aufsehen erregen wollte, verzichtete ich somit das ein oder andere Mal auf frisches Wasser – schließlich möchte man nicht ständig für Unruhe sorgen.

An den Rastplätzen, die alle 25-90km vorzufinden sind, gibt es neben Plumpstoiletten und Bärensicheren Mülleimern auch Picknicktische. Dort gibt es dann meist die mehr oder weniger selbe Konversation: Die Leute- meist selbst Touristen – interessieren sich sehr für mein Abenteuer, geben hilfreiche Tipps und versorgen mich meist auch noch mit etwas Essen oder frischem Wasser. Das war auf den weniger frequentierten Highways natürlich eher der Fall als auf den populäreren Routen, auf denen Radreisende oft zu sehen sind. Und so kam es auf dem Cassiar Highway zu einer netten Begegnung mit einem Kanadier, der mich am Morgen weckte, um mir Kaffee anzubieten – ein von mir natürlich gern gesehenes Angebot, schließlich habe ich selbst keinen Kocher und somit keinen Zugang zu warmen Getränken.

Was die Städte anbetrifft, so unterscheidet sich vor allem die Straßenbreite stark von dem, was man aus Europa gewöhnt ist. Man merkt, dass hier einfach viel mehr Platz zur Verfügung steht, und so führen 4-spurige Einbahnstraßen durch Städte mit nur 20.000 Einwohnern. Auch die Struktur größerer Städte ist anders, als wir es von der Heimat gewöhnt sind: Hier gehen die kleineren „suburbs“ direkt in die Großstadt über- in Deutschland finden sich hingegen selbst um München größere Freiflächen, auf denen z.B. Landwirtschaft betrieben wird. Auch interessant ist das Durchqueren der Städte: will man keine großen Umwege fahren, nimmt man auch mit dem Rad die vierspurige Stadtautobahn. Ich war mir zunächst nicht sicher, ob das überhaupt legal ist, bis mich ein Rennradfahrer überholte. Ich beschleunigte, hängte mich hinter ihn, und genoss den Windschatten für ein paar Kilometer. Bei dem folgenden Gespräch zeigte er sich über meine Frage erstaunt, denn in Kanada kann man auf nahezu jeder Straße mit dem Rad fahren.

Wenn alle Stricke reißen

Ende Juni war es dann so weit: Der Ernstfall trat ein. Mein Rad, das ich in vorherigen Artikeln schon oft beschrieben habe, zeigte sich den Anforderungen nicht mehr gewachsen: Die DT-Swiss-Laufräder, mit einem empfohlenen Maximalsystemgewicht von 110kg mussten sich geschlagen geben. Ich hatte zuvor schon einige gerissene Speichen am Hinterrad gehabt, doch aufgrund der geringen Speichenzahl war die Belastung auf die Felge wohl zu groß – und ein Speichennippel wurde aus der Felge gerissen. Der Zwischenfall hatte einen Sturz zur Folge – und mein Rad war nicht mehr fahrbereit. Ich reparierte den Defekt so gut es ging, um wenigstens schieben zu können – ein Weiterfahren war jedoch unmöglich. Wenige Kilometer und etwa eine Stunde später fand ich eine Haltebucht, und einen darin parkenden Pickup. Das nette Paar, dem er gehörte, nahm mich die 70km zum nächsten Ort mit, wo ich das gesamte Hinterrad wechselte. Jetzt bin ich mit 10 Speichen mehr unterwegs – und fühle mich wieder deutlich sicherer auf der Straße. Bezüglich Kanadischer Freundlichkeit: Da ich ihm bei der Montage und Demontage von Kassette und Hinterrad behilflich war, wollte mir der nette Radmonteur nichts für den Austausch berechnen. Ein Trinkgeld gab es natürlich trotzdem.

Alles in allem bin ich mit den Umständen hier sehr zufrieden, auch wenn das ständige Highway-Fahren nerven kann. Doch spätestens wenn einem am nächsten Rastplatz ein gekochtes Abendessen angeboten wird, weiß man: Man ist in Kanada.

Weitere Impressionen von der Tour:


Die Artikel zu Leo on Tour:

Die Artikel zur Vorbereitung auf die Tour:


Hier seht ihr, wo sich Leo gerade befindet:


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